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Offener Brief an

Verteiler: Hessischer Ministerpräsident

Parteivorstände der Parteien SPD, FDP und GRÜNE in Hessen

FN Warendorf

Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft

Reiterrevue

St. Georg

Wir haben noch einen Zuchtleiter - leider.

Die generelle Frage ist: Was kann ein Zuchtleiter im Einundzwanzigsten Jahrhundert in der Pferdezucht noch leiten? Die Antwort ist: Nichts.

In vergangenen Jahrhunderten war das Pferd ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und von herausragender Bedeutung als „Kriegsgerät“. Die Machthaber der Völker förderten die Pferdezucht. Sie stellten sie unter Staatliche Aufsicht und Kontrolle. Das war sinnvoll.

Doch was ist das Pferd heute? Es ist zu einem hohen Prozentsatz Sport– und Hobbypferd. Das Interesse des Staates bzw. der Länder für das Pferd ist nicht größer als das z.B. für den Fußballsport. Selbstverständlich sind beides wirtschaftliche Faktoren mit großem Gewicht. Doch keine Regierung käme auf die Idee, den Ländervertretungen des Fußballs einen staatlich finanzierten „Fußballleiter“ als Obertrainer zu verordnen.

Warum hängt der Staat noch immer an völlig überholten Gepflogenheiten, was die Pferdezucht betrifft?

Das Establishment der Staatlichen Pferdebehörden lässt natürlich keine Gelegenheit aus zu betonen und zu demonstrieren, wie unverzichtbar ihre „Arbeit“ für die Zucht und die Qualität des Pferdes ist. Aber wer sägt sich schon selbst den Ast ab, auf dem er sehr bequem sitzt? Es werden ständig zusätzliche Prüfungen für alle möglichen Altersklassen und Geschlechter der Pferde und Ponys installiert. Grund dafür: Wir (die Zuchtleiter etc.) sind ja so unverzichtbar. Ohne uns wird die Deutsche Pferdezucht zusammenbrechen.

Dass dem absolut nicht so ist, beweisen Länder, wie z.B. Großbritannien oder auch Holland. Dort belässt man die Verantwortung dort, wo sie hingehört, nämlich in den Händen der Züchter. Der ernsthafte Züchter kennt seine Blutlinien, er kennt die Trends des Marktes und er entscheidet, mit welchen Individuen er zu züchten hat.

Liegt er falsch, so wird er seine Produkte am Markt nicht, oder zumindest nicht kostendeckend absetzten können. Ergebnis: Er wird reagieren müssen, um seine Zucht zu verbessern. Was er für Zuchtverbesserung investieren muss, ist allein seine Aufgabe. Investitionen dürfen dem Züchter niemals durch staatliche Stellen zu Verlusten gemacht werden. Das heißt im Detail, ein vom Züchter ausgesuchtes Zuchttier darf niemals von einem so genannten „Zuchtleiter“ oder ähnlichen „Entscheidern“ von der Nutzung ausgeschlossen werden. Das widerspricht sicherlich dem Grundgesetz.

Die Anforderung an die Politik lautet: Überlassen Sie die Zucht den Züchtern! Sorgen Sie für Gesetzesänderungen in Land und Bund. Nicht jedes Ländchen muss seine sehr teueren Ämter mit „Zuchtleitern“ und deren Stäben besetzt haben.

Fragen Sie aber bitte nicht die Verbände und Ämter, ob das auch geht! Sie werden es vehement verneinen, wie schon erwähnt. Fragen Sie die Züchter! Und sehen Sie sich in anderen Ländern Europas mit erfolgreichen Zuchten um.

Die Kennzeichnung der Pferde wechselte ja durch Europäisches Recht vom bisherigen Brennen der Fohlen zum Chippen. Deutschland hat sich bisher aus schon geschilderten Gründen dieser Praxis noch nicht angeschlossen. Wiederum verständlich, dass von den staatlichen Stellen und auch von Verbandsseite keine Aufwands erleichternden Maßnahmen gefördert werden, denn man will ja seinen Arbeitsnachweis behalten.

Die Verbände haben bisher mit großem Personal-, Zeit- und Finanzaufwand die Fohlen der jeweiligen Jahrgänge registriert, beschrieben und gebrannt. Die Pferde - Pässe wurden ausgestellt. Jahr für Jahr ein Wettlauf mit der Zeit. Die Fohlen werden in der Regel im Alter von fünf bis sechs Monaten von der Mutter abgesetzt. Es müssen aber laut den Satzungen Stuten mit Fohlen bei Fuß vorgestellt werden, um die einwandfreie Identität Mutter/Kind zu gewähr leisten. Besteht die Chance schon im Oktober Fohlen zu verkaufen, so musste der Züchter bisher warten, bis der Brennbeauftragte die Kurve gekriegt hat und die Fohlen- Aufnahme durchführen konnte. Die Taktik der Verbände ist beispielsweise für Hessen jeweils im September „zentrale“ Brenntermine z.B. in Alsfeld anzubieten. Die Reisekosten und der personelle und fahrzeugtechnische Aufwand, mit mehreren Fohlen und ihren Müttern, trägt selbstredend der Züchter.

Vorschlag von Züchterseite: Die Verbände übernehmen das Chippen der Fohlen bei Aufgabe des Brennens. Nicht zuletzt auch aus tierschutzrechtlichen Gründen. Die Verbände können erheblich Reiseaufwand reduzieren. Das Chippen wird den Tierärzten übertragen. Sie verfügen über ein flächendeckendes Netz.

Hier wird sofort Einwand der Verbandsgrößen kommen, dass dies zwecks Rettung der Pferde- und Ponyzucht, nicht sicher genug sei. Sollten aber in der Praxis Tierärzten schlampige oder gefällige Angaben bei den Aufnahmen nachgewiesen werden und Ausstellungstiere dadurch Identitätsprobleme bei Turnieren usw. bekommen, so werden die Medizinmänner von uns Züchtern sehr schnell in die Pflicht genommen werden. Die Schlampereien werden unterbleiben und das Problem ist damit rasch erledigt.

Lösen Sie weiterhin die staatlichen Zuchtleiter mit ihren Stäben ab.

Die Hälfte des so eingesparten Geldes verwenden sie zur Zuchtförderung, z.B. Prämien für Zuchtschauen (die das Wort Prämie auch verdienen). Auch Transporthilfe zu Zuchtveranstaltungen wäre angebracht. Die Zahlen der ausgestellten Pferde sind rückläufig, nicht zuletzt aus Kostengründen.

Überlassen Sie die Zucht den Züchtern!

Niemand käme auf die Idee, etwa einem Automobilhersteller, einen staatlich eingesetzten und vom Staat bezahlten Vertriebs- oder Produktionsleiter zu verordnen. Also unterlassen Sie es auch bei den Pferden und Ponys. Die Züchter werden es Ihnen danken.

Wilhelm Schwindt, 63526 Erlensee/Hessen, Bruchköbeler Str. 6

Dezember 2008